Windräder

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Ökostrom ist nicht gleich Ökostrom

Ökostrom ist in Niedersachsen weiter auf dem Vormarsch: Fast alle Grundversorger bieten inzwischen spezielle Tarife für umweltbewusste Kunden an. Einen wirklichen Nutzen für die Umwelt haben jedoch längst nicht alle Produkte.

Grüner Strom liegt in Deutschland seit Jahren im Trend. Inzwischen beziehen mehr als fünf Millionen Haushalte Ökostrom. Auf diese Entwicklung reagieren offenbar auch die niedersächsischen Energieversorger: Wie eine Untersuchung des Marktwächters Energie zeigt, bieten inzwischen 60 von 64 Grundversorgern einen oder mehrere Ökostrom-Tarife an. Allerdings macht die Erhebung auch deutlich: Ökostrom ist längst nicht gleich Ökostrom.

Ökostrom kann auch aus sehr alten Anlagen stammen

Das Problem: Das Wort Ökostrom ist rechtlich nicht definiert oder geschützt. Verstanden wird darunter in der Regel Strom, der aus erneuerbaren Energiequellen gewonnen wurde, das heißt aus Wind- und Wasserkraft, Biomasse, Sonnenlicht und -wärme oder Erdwärme. Damit liefert der Begriff lediglich eine Aussage über die Herkunft der Energie, nicht aber über die genauen Umstände der Produktion. Strom aus seit Jahrzehnten bestehenden Wasserkraftwerken kann daher genauso gut als Ökostrom bezeichnet werden wie Energie, die in erst kürzlich errichteten Windkraftanlagen gewonnen wurde. Viele Verbraucher wünschen sich jedoch vor allem Letzteres. Sie entscheiden sich gerade deshalb für Ökostrom, weil sie damit den Ausbau der erneuerbaren Energien vorantreiben möchten, also die Errichtung von neuen Anlagen.

Um Kunden in solchen Situationen eine Orientierungshilfe zu bieten, wurden vor einigen Jahren die so genannten Ökostrom-Labels oder Ökostrom-Zertifikate eingeführt. Die Labels sollen Stromkunden dabei helfen, Angebote zu finden, die nicht nur umweltverträglich erzeugt wurden, sondern zusätzlich einen ökologischen Mehrwert haben, weil ein Teil der Einnahmen in erneuerbare Energien investiert wird. Zertifizierter Grünstrom ist damit klar von so genannten Ökostrom-Basistarifen abzugrenzen, bei denen fast ausschließlich Strom aus alten Wasserkraftwerken genutzt wird, ohne dass zusätzlichen Investitionen garantiert sind.

Hintergrund: Ökostrom gelangt in den „Strom-See“

Einige Kunden fragen sich, ob aus ihrer Steckdose auch wirklich nur Ökostrom kommt. Die Antwort ist nein, denn dies ist physikalisch gar nicht möglich, da es kein eigenes Netz für Grünstrom gibt. Veranschaulichen lässt sich dies mit dem Bild von einem See: Es gibt verschiedene Zu- und Abflüsse, am Ende bekommen jedoch alle Stromkunden den gleichen Energiemix. Aber: Je mehr Ökostrom erzeugt und in den See geleitet wird, desto grüner wird der Strom-See insgesamt.

Zweidrittel der niedersächsischen Anbieter setzt auf Label

In Niedersachsen ist die Zertifizierung von Ökostrom bereits recht verbreitet: Wie die aktuelle Untersuchung zeigt, haben 43 von 60 heimischen Versorgern Tarife mit einem Label im Angebot. Das häufigste empfehlenswerte Zertifikat stammt vom TÜV NORD (25 Anbieter), dahinter folgt, bereits mit deutlichem Abstand, das Grüner Strom Label (4).

Allerdings gibt es auch 17 Grundversorger in Niedersachsen, die ausschließlich Ökostrom ohne Zertifizierung vertreiben. Zudem bieten viele Versorger mehrere Ökostrom-Tarife an: einen Basistarif ohne Label sowie ein anspruchsvolleres Angebot mit ökologischem Mehrwert. Allzu oft wird der Unterschied zwischen „Ökostrom light“ und dem Ökostrom-Produkt mit tatsächlichem ökologischem Nutzen auf der Website der Anbieter jedoch nicht deutlich hervorgehoben. Zählt man alle angebotenen Tarife zusammen, liegt die Zahl der Produkte ohne Label insgesamt bei 40.

Ein weiteres wichtiges Ergebnis der Untersuchung: Viele niedersächsische Grundversorger werben im Zusammenhang mit ihren Ökostrom-Produkten zusätzlich mit einem besonderen ökologischen oder sozialen Engagement. Häufig wird dem Verbraucher beispielsweise zugesagt, dass er durch den Bezug von Ökostrom bestimmte lokale Projekte unterstützen kann. Dabei reicht die Palette von Baumpflanzaktionen über energetische Eigenheimsanierungen bis hin zur Unterstützung eines Nationalparks. Leider sind die verfügbaren Informationen jedoch oftmals sehr knapp gehalten, sodass Kunden nur schwer nachvollziehen können, wie groß das Engagement tatsächlich ist. Im Zweifelsfall empfiehlt es sich daher, lieber noch mal nachzufragen und um genauere Informationen zu bitten.

 

Grundsätzlich zeigt sich also: Wer sich für den Bezug von Ökostrom interessiert, sollte stets genau hinschauen, da sich die angebotenen Produkte in vielerlei Hinsicht unterscheiden. Nachfolgend haben wir daher die wichtigsten Fragen und Antworten rund ums Thema Ökostrom zusammengestellt:

Welche Ökostrom-Labels sind empfehlenswert?

Mittlerweile existiert eine Vielzahl von Ökostrom-Labels, die auf unterschiedlichen Vergabekriterien beruhen. Aus Sicht der Verbraucherzentrale Niedersachsen ist es ratsam, ein Ökostrom-Produkt mit den besonders anspruchsvollen Zertifikaten  Grüner Strom oder ok-power zu wählen. Ebenfalls empfehlenswert – wenn auch mit kleinen Abstrichen – sind die Siegel des TÜV NORD und des TÜV SÜD. Bei diesen beiden Zertifikaten sollten Verbraucher allerdings unbedingt  auf die genaue Bezeichnung der Labels achten, da beide TÜV-Gesellschaften mehrere Siegel herausgeben. Detaillierte Informationen zu den einzelnen Labels und ihren Qualitätskriterien finden Sie hier.

Bei einigen Labels wurden die Vergabekriterien erst kürzlich geändert bzw. befinden sich derzeit im Umbruch. Hintergrund dieser Entwicklung ist unter anderem die Diskussion über die Frage, inwiefern zertifizierter Ökostrom zur Energiewende in Deutschland beitragen kann. Das Problem: Aufgrund des Doppelvermarktungsverbots (siehe nächste Frage) für Strom aus erneuerbaren Energien konnten in der Vergangenheit nur wenige Anlagen in Deutschland vom zertifizierten Ökostrom profitieren; in der Regel erfolgte die Investition in neue Anlagen eher im europäischen Ausland. Zukünftig soll bei der Vergabe von Labels daher die so genannte Direktvermarktung eine stärkere Rolle spielen. Das heißt, es soll kenntlich gemacht werden, wenn der Strom von Produzenten stammt, die ihren Strom direkt verkaufen, auf eine EEG-Förderung verzichten und somit auch in den Ausbau von heimischen Anlagen investieren können. Verbraucher, denen es besonders wichtig ist, Anlagen aus Deutschland oder sogar aus der eigenen Region zu unterstützen, können sich zudem direkt auf der Internetseite des jeweiligen Anbieters erkundigen.

Auf den Websites der Energieversorger ist statt von Labels auch häufig von so genannten Herkunftsnachweisen die Rede. Was hat es damit auf sich?

Im Gegensatz zu Ökostrom-Labels belegen Herkunftsnachweise keinen zusätzlichen Umweltnutzen. Ein Herkunftsnachweis besagt nur, dass eine Megawattstunde (MWh) Strom aus einer Anlage, die Strom aus erneuerbaren Energien erzeugt, ins Stromnetz eingespeist wurde. Hintergrund: Seit Januar 2013 darf ein Energieversorger sein Produkt nur dann als Strom aus erneuerbaren Energien kennzeichnen und auf der Stromrechnung ausweisen, wenn er für die gelieferte Menge Ökostrom auch Herkunftsnachweise beim Umweltbundesamt entwertet hat. Damit wird sichergestellt, dass ein Ökostrom-Produkt nicht doppelt vermarktet wird (Doppelvermarktungsverbot). Denn: In Deutschland wird der Ausbau der erneuerbaren Energien hauptsächlich durch das Gesetz für den Ausbau erneuerbarer Energien, kurz Erneuerbare-Energien-Gesetz oder EEG, gefördert. Auf diese Weise erhalten Betreiber von regenerativen Anlagen bereits eine auskömmliche Finanzierung für den erzeugten Strom; eine zusätzliche Vermarktung als Ökostrom ist daher nicht möglich. Für Ökostrom-Anbieter bedeutet das, dass sie einen Großteil ihrer Ökostrom-Mengen aus dem Ausland beziehen müssen.

Sind Ökostrom-Angebote grundsätzlich teurer als andere Tarife?

Das kommt darauf an, welches Produkt zuvor bezogen wurde. Hat ein Verbraucher bisher weder seinen Stromanbieter noch seinen Stromtarif gewechselt, ist er in der Regel Kunde der so genannten Grundversorgung. In diesem Fall ist ein Wechsel zu einem Ökostrom-Tarif beim lokalen Versorger kaum teurer oder manchmal sogar billiger. So bezahlt eine Familie in der Grundversorgung in Niedersachsen für ihre Stromrechnung im Jahr durchschnittlich ca. 1018 Euro (Jahresverbrauch: 3500 kWh). Der Bezug von Ökostrom mit einem empfehlenswerten Label ergibt unterm Strich den gleichen Durchschnittswert.

Allerdings muss bei diesem Vergleich auch berücksichtigt werden, dass die Grundversorgung in der Regel das teuerste Angebot vor Ort ist. Wer sich für einen anderen Anbieter entscheidet oder bei seinem Grundversorger in einen anderen Tarif wechselt, kann in der Regel einiges sparen.

Ein Preisvergleich lohnt sich übrigens auch zwischen den verschiedenen Ökostrom-Tarifen: So zeigte sich in der aktuellen Untersuchung, dass das preiswerteste Ökostrom-Produkt eines lokalen Versorgers ca. 930 Euro pro Jahr kostet, während das teuerste Angebot bei etwa 1205 Euro lag (Jahresverbrauch: 3500 kWh; berücksichtigt wurden ausschließlich Produkte mit einem empfehlenswerten Label).

Ist der Bezug von Ökostrom die einzige Möglichkeit für Verbraucher, den Ausbau der erneuerbaren Energien zu fördern?

Nein, durch die so genannte EEG-Umlage leistet jeder Stromkunde bereits einen Beitrag zur Energiewende in Deutschland. Dies ist ebenfalls im EEG geregelt. Das Gesetz sieht vor, dass Strom aus erneuerbaren Energien vorrangig ins Stromnetz eingespeist wird und die Betreiber der Anlagen über 20 Jahre eine festgelegte Förderung erhalten. Auf diese Weise soll trotz der hohen Investitionskosten ein wirtschaftlicher Betrieb der Anlage ermöglicht werden.

Da die gezahlte Einspeisevergütung in der Regel wesentlich höher ist als der Preis, der beim Verkauf des Stroms an der Strombörse erzielt werden kann, entsteht bei der Finanzierung ein Defizit. Dieses geben die Netzbetreiber über die EEG-Umlage an die Stromanbieter weiter (derzeit 6,17 Cent pro Kilowattstunde). Diese wiederum lassen die zusätzlichen Kosten in die Stromrechnung der Endverbraucher einfließen, sodass am Ende alle Stromkunden an der Finanzierung der Energiewende beteiligt sind. Der Bezug von zertifiziertem Ökostrom bietet die Möglichkeit, über den festgelegten Betrag der EEG-Umlage hinaus einen weiteren Beitrag zum Ausbau der erneuerbaren Energien zu leisten.

Worauf sollte man bei der Auswahl von Ökostrom-Tarifen sonst noch achten?

Genau wie bei jedem anderen Anbieter- oder Tarifwechsel ist es auch bei der Auswahl von Ökostrom wichtig, auf die Vertragsbedingungen der verschiedenen Lieferanten zu achten und diese miteinander zu vergleichen. Zwar zeigte die aktuelle Untersuchung der niedersächsischen Grundversorger, dass die AGB von Ökostrom-Produkten tendenziell etwas verbraucherfreundlicher ausfallen als der Durchschnitt, allerdings gab es auch hier einige Ausnahmen. So fand sich beispielsweise eine Regelung, die Verbraucher zu einer zusätzlichen Gebühr verpflichtet, falls sie per Überweisung zahlen möchten, statt eine Einzugsermächtigung zu erteilen. Zudem gab es mehrere Fälle, bei denen Neukunden einmalige Bonuszahlungen in Aussicht gestellt wurden. Solche Boni sind aus Verbrauchersicht generell eher kritisch zu sehen und sollten daher stets besonders genau geprüft werden: Zum einen verschleiern sie den wirklichen Preis ab dem zweiten Vertragsjahr, zum anderen gab es in der Vergangenheit immer wieder Fälle, in denen die versprochenen Vergünstigungen nicht gewährt wurden (mehr Infos zum Thema Bonuszahlungen finden Sie hier).

Weitere Regelungen, die Verbraucher vor einem Vertragsabschluss genau prüfen sollten, sind die Angaben zu Vertragslaufzeiten, Kündigungsfristen sowie zu möglichen Preisgarantien. Mehr Informationen dazu finden Sie in unserer Übersicht zum Thema Anbieterwechsel.

Stand: 16. September 2015

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